Wochenthema #40: „Körperwahrnehmung“

Manchmal treffe ich in meinen Yogastunden oder auch bei Fortbildungen und Retreats auf so unglaublich fortgeschrittene Yogis. Die wahnsinnig ästhetisch üben, eine perfekte Körperhaltung haben und Versionen von Asanas einnehmen können, bei denen ich vermute, dass ich sie in meinem Leben nicht mehr lernen werde. Und dann erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken, ob ich überhaupt die Berechtigung habe, Yoga zu unterrichten.

Aber hin und wieder beobachte ich, wie sich vermeintlich fortgeschrittene Yogis ganz bewusst in der ersten Reihe platzieren, eine nochmal extra fortgeschrittene Asana einnehmen (die ich nicht angesagt habe), sich in den neidischen Blicken der anderen suhlen und nach der Stunde gestresst zum nächsten Training hasten. Und dann spüre ich: nein, das sind gar keine fortgeschrittenen Yogis, sondern gute Sportler!

Damit erwische ich mich immer wieder dabei, wie sehr auch ich auf Äußerlichkeiten fixiert bin. Denn tatsächlich ist es so: wie „fortgeschritten“ ein Yogi ist, kann ich von außen nur sehr bedingt wahrnehmen. Tatsächlich ist „fortgeschritten“ überhaupt nicht die geeignete Kategorie um die Yogapraxis eines Menschen zu beurteilen.

In meinem gerade laufenden Teacher Training hat mein Lehrer Alex darüber referiert, dass es zwei grundlegend verschiedene Arten gibt, auf unseren Körper zu schauen: die erste ist die Sichtweise von außen, mit der wir unseren Körper zum Objekt machen, ihn danach beurteilen ob er „funktioniert“ und wie er „aussieht“. Das ist die Sichtweise des westlichen Mediziners, der einen gebrochenen Arm röntgt, richtet und im Gips fixiert. Eine Sichtweise, die absolut ihre Berechtigung hat — als ich mir vor zwei Jahren bei einem Fahrradunfall die Schulter ausgekugelt habe, war dass genau die Sichtweise, die mich schnell hat genesen lassen.

Aber es gibt noch eine andere Sichtweise auf unseren Körper, eine, für die in der westlichen Philosophie gerne der Begriff „Leib“ (vs. Körper) benutzt wird. Während wir Körper haben, sind wir Leib! Und wir nehmen die Welt durch unseren Körper, durch unsere Sinnesorgane hindurch, wahr. Wir spüren uns in unserer Ganzheit und definieren uns nicht bloß durch unseren Geist, der den Körper als etwas „externes“ wahr nimmt.

Wie gesagt, beide Seiten haben ihre Berechtigung. Aber in unserer Kultur dominiert ohne Zweifel die Sichtweise von außen. Und das verursacht Stress: Entweder wir ignorieren unseren Körper, ignorieren die inneren Spannungen und Blockaden so lange, bis sie zum Problem werden. Oder wir beurteilen unseren Körper von außen, vergleichen unseren Brustumfang, optimieren uns im Fitnessstudio und auf der Waage. Beides ist kein gesunder Umgang mit unserem Körper, der inneren Frieden schafft.

Und genau das ist der zentrale Grund, warum wir uns nach dem Yoga so „gut“ fühlen. Warum Yogaschüler sagen, durch Yoga „kommen sie wieder in ihrem Körper an“. Diese Erfahrung des Spürens, der Schulung unserer Wahrnehmung, der Präsenz in schwierigen Positionen, das ist es was Yoga ausmacht. Dass wir abgefahrene akrobatische Haltungen erlernen ist maximal ein schöner Nebeneffekt. Kurz: Yoga ist eine innere Haltung, keine äußere. Ein „fortgeschrittener“ Yogi (wenn wir bei dieser Kategorie bleiben wollen) ist also ein Yoga, der in purer Präsenz übt, der jeden Atemzug, jede Pore seines Körpers, jeden Gedanken in der Praxis wahrnimmt. Von außen kann ich also im Prinzip gar nicht wissen, wie ein Mensch praktiziert. Klar, Präsenz und Wahrnehmung erfordert viel viel Übung, und wer viel Yoga und Präsenz geübt hat, der kann meist auch fortgeschrittene Yogapositionen einnehmen. Umgekehrt gilt das aber nicht: Wir können Jahre lang unseren Körper über Yoga trainieren und optimieren, ohne jemals diesen Zustand von innerem Frieden und purer Präsenz erlebt zu haben.

In diesem Sinne, lasst uns diese Woche unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper richten. Erfahren, dass wir ihn auf diese zwei grundlegend unterschiedlichen Arten und Weisen wahrnehmen können. Und vielleicht kommen wir sogar dahin, bewusst zwischen beiden Perspektiven wechseln zu können.

Literatur

Böhme, Gernot 2019. Leib. Die Natur, die wir selbst sind. Suhrkamp.

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